Osterkerze 2018

Traumbaum

 

I Have a Dream („Ich habe einen Traum“). Das ist der Titel einer berühmten Rede des afroamerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King, die er am 28. August 1963 in Washington hielt. Ein paar der dort ausgesprochenen Träume haben in der Zwischenzeit im Laufe von nun mehr als einem halben Jahrhundert ein bisschen Realitätsluft geschnuppert. Und ein paar von diesen Träumen wurde und wird immer wieder die Luft abgeschnürt. Heute mehr denn je. Es war eine aufregende Zeit mit offensichtlich vielen Visionen - ich erinnere nur an das zweite Vatikanum.

Im November 2017 entwickelte unser Kirchengemeinderat eine Vision für das Jahr  2027. Als ich diese Vision lesen durfte, kam mir der Titel der Rede von  Martin Luther King in den Sinn: Ich habe einen Traum!

Der KGR formuliert seine Vision nämlich so:

„St. Michael 2027: eine offene und vielfältige Gemeinschaft auf starkem Fundament. Eine Kirche für alle, die lebt, erfrischt, gedeiht, bewegt, ruht, verbindet, verändert und  erneuert“

 

Ein Traum! Ein Traum? Etwas skeptisch dachte ich: „Träumt nur weiter!“

Zu diesem Traum gibt es aber nicht nur diesen Text, sondern auch Bilder. Bilder, die einen Impuls zum Nachdenken liefern, nachdenklich machen und manchmal zum Lachen anregen.

Um das zentrale Bild mit der Aufschrift: „Glaube, eine Taufe, ein Gott“ sind sternförmig oder wie  Sonnenstrahlen Facetten dieser Vision oder dieses Traumes angeordnet. Da findet man verschiedene Abbildungen:

·       einer Hütte vor einer imposanten Bergkulisse

·       Gartenstühle inmitten von Blumen

·       Sprudelndes Wasser

·       die Zapfsäulen einer Tankstelle

·       Menschen auf der Wanderung und um eine Tisch sitzend

·       Hände, die einander halten

·       ein sternförmiges Netz, das von Händen aufgespannt wird

·       und was mich besonders angesprochen hat: Ein Verkehrsschild „Achtung Baustelle“

Als ich dieses Bild entdeckte musste ich an meine „Baustelle“ zu Hause denken: die neue Osterkerze. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich wieder einmal keine Ahnung, welches Motiv die Osterkerze 2018 erhalten sollte. Doch dann entstand daraus langsam eine Idee. Es sollte ein Traumbaum werden.

Auch ein Baum braucht ein festes Fundament: Das Wurzelwerk, das Bodenhaftung,  Verlässlichkeit, Sicherheit und Nachschub für Lebensnotwendiges bietet.

Er besitzt den Stamm mit seinen vielfältigen Verbindungsaufgaben zwischen Himmel und Erde und Erde und Himmel, ist irgendwie „erhebend“ und trotzdem alles andere als starr.
Haben Sie schon einmal einen Baumstamm zum Schwingen gebracht? Ich hatte im
letzten Jahr dazu die Möglichkeit auf einem Baumwipfelpfad. Seitdem weiß ich, dass auch Bäume tanzen können.

Und über dem Stamm die Baumkrone. Die Blätter nutzen jede freie Stelle aus, die Licht und damit Energie verheißt. Sie sind selbst an einem einzigen Baum so unterschiedlich, man kann es sehen und sogar fühlen. Jedes Blatt hat seinen Freiraum gefunden und füllt ihn aus.

 

Die Gesichtspunkte aus der Klausurtagung habe ich versucht in das Motiv der Kerze einzuarbeiten.

Die Wurzeln des Traumbaums schlingen sich um Symbole aus dem Alten Testament. Das Alte Testament als Fundament erfahren, ohne das Jesus, der Jude, nicht denkbar wäre.
Ich habe versucht jedem Symbol eine grundlegende Erfahrung zuzuordnen:

·       Da ist zuerst einmal ein aufgeschnittener Apfel, in dem sich Adam und Eva wiederfinden.
Vielleicht könnte man es so deuten: Es gibt eine Einheit in der Vielfalt. Und die Spannung, die daraus entsteht, ist Auftrag! Seid fruchtbar in eurem Tun!

·       Die Gesetze, die Mose auf den Tafeln zum Volk Israel bringt, sollen das Zusammenleben in gute Bahnen lenken. Wenn ihr euch daran haltet, habt ihr nicht nur ein gutes Verhältnis zu Gott, sondern auch unter einander! Regeln die uns helfen sollen, nicht knechten und einengen.

·       Die Trommel der Mirjam verheißt Freiheit aus der Unterdrückung. Trommeln werden meditativ oft im Herz-Rhythmus geschlagen. Und bei der Erfahrung der Befreiung schlägt wohl das Herz wie die Trommel schneller.

·       Die Harfe des Königs David steht für den Lobpreis und die Dankbarkeit. Aus dieser Dankbarkeit für alles, was uns geschenkt wird, kann neue Lebensenergie wachsen.

·       Etwas unscheinbar macht sich das Büschel mit Ähren aus. Rut hat uns dieses Symbol geschenkt. Sie erinnert uns daran, dass wir fast überall auf der Erde Fremde sind. Und dass Heimat dort sein kann, wo wir „Ähren lesen dürfen“, also wo wir etwas ernten dürfen, auch wenn es uns nicht unmittelbar zusteht. Wir verdienen diese Ernte nicht, sie wird uns einfach überlassen.

·       Und dann ist da noch Noahs Taube. Der Liebesbote der verspricht: Nie wieder Flut!

Gott will nicht den Untergang! Das Vertrauen darauf ist ein tragendes Element. Die Taube landet gerade auf dem Alpha und steht damit für den neuen Wiederanfang.

Die Zentrale unseres Baumes ist auch hier der Stamm. Er enthält ein Auferstehungskreuz. Nicht weil Karfreitag geleugnet werden soll, sondern weil Karfreitag eben kein Endpunkt war, sondern Beginn einer Veränderung. Weil wir eine Osterkerze vor uns haben und keine Karfreitagskerze. Christus erscheint nicht als starre, tote Achse, sondern als lebendiger Mittelpunkt, heraus gewachsen aus einem festen Grund und dadurch verlässlicher Träger für eine vielfältige Baumkrone.

Und in dieser Baumkrone finden wir nun wieder die Bilder aus der Vision des KGR auf verschiedenen Blättern. Bevor wir uns diesen zuwenden, schauen wir noch einmal auf das Kopfende des Kreuzes. Was vielleicht wie ein Strahlenkranz aussieht, sind Verbindungslinien zwischen den verschiedenen Blättern der Baumkrone. Sie sind der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Traumblättern mit Christus in der Mitte und als Haupt.

 

Betrachten wir nun die einzelnen Blätter:

·       Da ist die Hütte in den Bergen als der Zufluchtsort, der Rastplatz auf dem Weg mit der Möglichkeit für einen Weitblick. Die Hütte ist ein bisschen windschief, aber sie hält!

·       Statt der Gartenstühle habe ich eine Hängematte gewählt. Es wäre schön, wenn unsere Jugendlichen hier nicht nur Dienst tun, sondern auch „abhängen“ könnten.

·       Das sprudelnde Wasser kann als Lebensquelle erfahren werden, die auch nach außen wirkt, sich verströmt. Deshalb fallen Tropfen von diesem Blatt herab.

·       Man erkennt die Zapfpistole einer Tankstelle, wo jeder den für ihn oder sie passenden Kraftstoff finden kann, der Energie liefert, um sich und etwas zu bewegen.

·       Ein Weg Pfeil hilft uns auch auf nicht geraden Wegen die Richtung beizubehalten im Bewusstsein, dass wir dabei nicht alleine unterwegs sind...

·       ...weil wir in schwierigen Situationen auch eine Hand finden, die unsere Hand sucht und findet.

·       Und nicht zuletzt gibt es eine Schaufel für die Baustelle, die uns immer wieder sagt: Es gibt noch viel zu tun. Aber wir müssen es auch anpacken wollen.

·       Ganz oben habe ich noch einmal das Blumenbild aufgegriffen: Ganz oben ist kein Blatt, sondern eine Blüte. Es ist noch keine Frucht vorhanden, aber es blüht schon - ein bisschen. Für mich ist es schon eine reale Blüte, nicht nur ein Traum. Wir sollten uns dessen bewusst sein, dass da schon etwas ist, was man wahrnehmen kann. Und wir sollten dies Blüte auch pflegen. Es wäre schade, wenn wir vor lauter Visionen und Träumen für die Zukunft vergessen würden, dass wir auch schon früher versucht haben unsere Träume und Visionen zu leben. Wir müssen das Rad nicht immer neu erfinden, aber wir dürfen es weiter anschieben!

 Vielleicht haben Sie sich über die Farben der Blätter gewundert. Die stimmen ja gar  nicht! Aber bedenken Sie: Es ist ein Traumbaum!

 

Ich möchte zum Schluss an ein Lied erinnern, das wir früher öfter gesungen haben. Es hat einen Text, der nach Dom Helder Camara zitiert wird und bildet eine aussagekräftige Zusammenfassung:

„Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, so ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit. Träumt unsern Traum!“

Angelika Kopp