Der Kreuzweg in der Kirche Mariä Himmelfahrt in Aidlingen

"Gottes Weg mit uns"

Ein Kleinod der Kunst bildet der von der Frankfurter Künstlerin Annemarie Baumgarten entworfene und gestaltete Kreuzweg. Zwölf Fensterbilder in drei Vierergruppen bilden diesen Kreuzweg, der dadurch von der konventionellen Vorgabe mit 14 Stationen abweicht.

Dieser Kreuzweg beschränkt sich nicht auf den Leidensweg Jesu, sondern beginnt bereits mit der Erschaffung der Welt und endet mit der durch die Auferstehung Jesu beginnenden Neuschöpfung. Deshalb haben wir ihn unter das Thema "Gottes Weg mit uns" gestellt.

In der ersten Vierergruppe geht es um die Schöpfung als Geschenk Gottes und den Bund, den Gott im Zeichen des Regenbogens mit den Menschen schließt. Daraus erwächst für den Menschen Freiheit und Verantwortung. In ihren Bildern zeigt die Künstlerin, welch schreckliche Folgen der Missbrauch der Freiheit hat: Umweltzerstörung, Krieg, Vertreibung usw.

Trotz dieser Verfehlungen hält Gott uns Menschen die Treue. Er setzt seinen Weg mit uns fort und sendet seinen Sohn. Den Weg, den Jesus von der Taufe im Jordan bis zum Ölberg und bis zum Tod am Kreuze in Solidarität mit uns Menschen geht, spiegelt die zweite Fenstergruppe wieder.

Im letzten Drittel wird verdeutlicht, dass mit dem Kreuz der Weg nicht zu Ende ist, sondern in der Auferstehung ein Neuanfang beginnt. Durch diesen Neuanfang entsteht die Möglichkeit, die Botschaft Jesu Christi in die Welt zu tragen und so die Chance für die Verständigung unter den Menschen und zur Bewahrung der Schöpfung zu nutzen.

Eine besondere Rolle in diesem Kreuzweg "Gottes Weg mit uns" spielt Maria, die Mutter Jesu. In allen drei Gruppen kommt sie vor, um das Geschehen von der Geburt bis zum Tod am Kreuz anzunehmen und zu bejahen. Ist sie am Anfang noch Tochter Gottes, so wird sie mit ihrem Ja unter dem Kreuz als Mutter von Jesus zur Mutter aller Menschen.

An Pfingsten steht sie in der Mitte der Apostel als Zeichen dafür, dass sie als von Gott erwählte Frau ein wesentliches Element der Jüngergemeinde Jesu, der Kirche, bildet.

"Betrachtung der einzelnen Bilder"

Vielleicht kann die Betrachtung der einzelnen Bilder des Kreuzweges "Gottes Weg mit uns" in Ihnen den Glauben bestärken, dass Gott für die Welt und auch für Ihr Leben einen guten Plan hat, den er trotz allem Dunkel und Rätselhaften in unserer Welt zu einem guten Ziel führen wird.

1. Bild

Kreuzweg Bild 1

Mit der Erschaffung der Welt und des Menschen beginnt Gott seinen Weg mit uns. Unsere Erde ist kein Zufallsprodukt einer von anonymen Mächten gesteuerten Entwicklung des Weltalls. Als Christen glauben wir, dass alles seinen Ursprung in Gott hat. Unser Bild lässt etwas erahnen von der Schönheit und bunten Vielfalt der Schöpfung. Das Gestirn, Himmel und Erde, alles gerät in Bewegung, in einen Fluss der Harmonie. Den Höhepunkt bildet die Erschaffung des Menschen als Ebenbild Gottes. Gott macht den Menschen zu seinem Partner und ermächtigt ihn zu freiem Handeln. Diese Partnerschaft, auf die Gott sich einlässt, garantiert die Freiheit des Menschen. Leider missbraucht der Mensch so oft das Geschenk seiner Freiheit.

Dennoch lässt Gott uns nicht fallen. Er setzt seinen Weg mit uns fort, um seinen Plan der Liebe zur Vollendung zu führen. Zeichen dieser unverbrüchlichen Treue ist der Regenbogen, der nach der Sintflut dem Noah erscheint (Gen 9,16ff).

2. Bild

Der selbstherrliche, egoistische Mensch zerstört Gottes wunderbare Schöpfung und vernichtet dadurch seinen Lebensraum. Von dem Baum bleiben nur noch einige grüne Blätter übrig. Hier ist eine fundamentale Neubesinnung gefordert: Wie können wir wieder besser der Wirklichkeit entsprechen, dass Gott einen Weg mit und geht?

Verantwortungsbewussten Menschen wird immer mehr bewusst: Wir dürfen in den verschiedenen Lebensbereichen nicht weiterhin die Erde so rücksichtslos ausbeuten wie bisher. Die Bedrohung und Gefährdung unserer natürlichen Lebensgrundlage durch unseren Lebensstil hat in den letzten Jahren zur Erkenntnis geführt, dass zum Gelingen des menschlichen Lebens auch die Fähigkeit zum Verzicht und die Einübung in das rechte Maß gehören.

3. Bild

Kreuzweg Bild 3

Auf dem Bild entdecken wir Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Ein Opfer kriegerischer Auseinander­setzungen liegt tot am Boden und wird von Angehörigen betrauert. Wir alle sind aufs tiefste darüber erschüttert, wie viel Leid und Elend Kriege und Vertreibungen über die Menschheit gebracht haben bis auf unsere Tage. Über allem steht das Zeichen des Regenbogens als Anfrage an uns Christen, wie ernst wir heute diesen noch gültigen Bund Gottes mit uns nehmen und unseren Teil tun, damit Schöpfung und Mensch wieder in Harmonie zueinander stehen.

4. Bild

Kreuzweg Bild 4

Trotz aller Bosheit und Schwachheit der Menschen wird Gott seinen Plan der Liebe zur Vollendung bringen. Jesus von Nazareth, geboren von der Jungfrau Maria, ist die sichere Garantie für Gottes Treue zu uns Menschen. Indem Maria sich ganz auf den Plan Gottes einlässt, ermöglicht sie das Offenbarwerden der rettenden Liebe in Jesus Christus. So werden wir ermutigt, uns ebenfalls auf den Plan Gottes einzulassen und den Weg in die Zukunft zu wagen.

5. Bild

Kreuzweg Bild 5

Gott zeigt seine Bundestreue nicht nur im Regenbogen. Er steigt herab und sucht eine neue Verbindung mit uns Menschen in Jesus von Nazareth. In der Mitte der Zeit steigt Gott herab und wird einer von uns. In seinem Herabsteigen in unsere Welt hat Jesus bei der Taufe im Jordan alle Unerlöstheit der Welt auf sich genommen, um sie zum Vater heimzuführen.

In unserer eigenen Taufe sind wir in den Weg Jesu hineingenommen. Damit beginnt für uns ein lebenslanger Prozess, der uns dahin führen will, dass wir nicht mehr uns selber leben, sondern ganz hineingehen in den Plan Gottes mit seiner Schöpfung und seinen Geschöpfen.

6. Bild

Kreuzweg Bild 6

Das öffentliche Leben Jesu ist ein stetes Hineinwachsen in den Willen des Vaters. Gleichzeitig macht er sich ganz eins mit unserem menschlichen Schicksal, mit unseren Freuden, vor allem aber mit unserem Leiden und Sterben.

Am Ölberg gibt er sich ganz hinein in den Willen des Vaters: "Nicht mein, sondern dein Wille geschehe" (Lk 22,42).

In dieses Dunkel fällt ein Lichtstrahl. Der grüne Baum ist Zeichen des neuen Lebens, das durch den Tod Jesu den Menschen und aller Kreatur geschenkt wird.

7. Bild

Kreuzweg Bild 7

Das ganze Leben Jesu war geprägt von einer zärtlichen und mitfühlenden Liebe zu den Kranken und Behinderten. Diese Liebe vollendet sich, indem er auf dem Kreuzweg ganz einer von ihnen wird. Er zieht die leidbeladenen Menschen, auf die bereits der Schatten des Kreuzes fällt, mit hinein in den Lichtstrahl, in dem bereits etwas von der Auferstehung aufleuchtet.

8. Bild

Kreuzweg Bild 8

Jesus hängt am Kreuz. Er verliert alles, sein Leben, seine innige, vertrauensvolle Beziehung zum Vater, so dass er nur noch rufen kann: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" (Mk 15,34)?

Wir sehen auf der rechten Seite Maria, wie sie mit ihrem Schmerz ringt, ihm die Hände entgegenstreckt, ihn anschaut und den Weg ihres Sohnes mitgeht bis zuletzt. Sie lässt ihren Sohn los und wird dadurch die Mutter eines jeden von uns (Joh 19.26f).

Die linke Seite unter dem Kreuz ist leer, die Stelle, an der in anderen Darstellungen Johannes zu finden ist. Dieser leere Platz lädt uns ein, diese Stelle einzunehmen. Dann sind wir wie der Lieblingsjünger ganz nahe bei dem, der aus Liebe sein Leben für uns hingegeben hat. Wir erleben, wie innig die Partnerschaft zwischen uns und Gott ist, der seinen Weg mit uns geht.

 

 

9. Bild

Kreuzweg Bild 9

Nachdem Gott in Jesus von Nazareth mit uns Menschen bis zur Endstation mitgegangen ist, erfolgt die große Wende. Den Frauen, die zum Grab kommen, verkündet der Engel: "Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden" (Lk 24,5f). Der auferstandene Herr, der die beiden Emmausjünger auf ihrem Weg begleitet hat, ist auch unser Wegbegleiter und bringt Licht in das Dunkel unseres Lebens, vor allem in seinem Wort und in der Feier der heiligen Eucharistie.

10. Bild

Kreuzweg Bild 10

Die Emmauserfahrung findet ihre Fortsetzung in unserem Alltag überall dort, wo Menschen sich ganz für Gott und füreinander öffnen. Überall möchte der Auferstandene uns als Begleiter zur Seite stehen. Auf dem Bild erkennen wir zwei Menschen, die gemeinsam bauen.

Daneben erblicken wir einen Menschen, der zusammenbricht und von einem Mitmenschen aufgefangen wird. Durch den Autoreifen wird angedeutet: da ist jemand im übertragenen Sinn unter die Räder gekommen und wartet auf unseren Beistand.

Durch unsere Hilfe können wir andere erfahren lassen, dass Gott seinen Weg mit uns geht. Überall bieten sich uns Möglichkeiten, unsere Mitmenschen etwas von der Nähe Gottes verspüren zu lassen. Das veranschaulichen weitere Beispiele: Szenen aus einem Stadtbummel, das Fahren auf einem Schiff usw.

11. Bild

Kreuzweg Bild 11

Pfingsten erinnert uns an eine ungenützte Energiequelle, das Angesicht der Erde zu erneuern. Der Heilige Geist, der an Pfingsten auf die Jünger und Jüngerinnen herabgekommen ist, verbindet sie zu einer innigen Gemeinschaft, wie Paulus es in seinem ersten Brief an die Korinther beschreibt: "Durch den einen Geist werden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getauft ( 1 Kor 12,13).

In der Mitte der Apostel steht Maria. Sie ist ein einzigartiges Vorbild für das Offensein für das Wirken des Heiligen Geistes.

12. Bild

Kreuzweg Bild 12

Zusammen mit Jesus und in der Kraft des Heiligen Geistes werden wir in die Welt gesandt, um allen die Frohe Botschaft zu bringen. Gottes Liebe in Jesus Christus wendet sich allen Menschen ohne Ausnahme zu. Wir sind aufgerufen zum Dialog mit allen Menschen, mit den Weltreligionen, mit allen sozialen Schichten, Gruppen, Nationen und Rassen.

Auf dieser Erde bleibt vieles nur Stückwerk.

"Gottes Weg mit uns" führt einem Ziel entgegen, das in der Offenbarung des Johannes so beschrieben wird: "Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen. Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, keine Mühsal" (Offb 21,4).

Dort vollendet sich "Gottes Weg mit uns" in einem neuen Himmel und einer neuen Erde